BULGARIEN

„CHRONIKEN DER INFODEMIE“

Boryana Dzhambazova von der Association of European Journalists in Bulgaria, beschreibt uns in einem Interview die Situation in Bulgarien.

Was sind die häufigsten Beispiele für Propaganda und die Verbreitung von Desinformation im Zusammenhang mit Covid-19 in Bulgarien?

Bulgarien bildet leider keine Ausnahme im weltweiten Trend von Desinformation im Zusammenhang mit der Pandemie. Die bekanntesten Desinformationskampagnen sind auch hier weit verbreitet, beispielsweise die Behauptung, die 5G-Mobilfunktechnologie habe etwas mit der Verbreitung von Covid-19 zu tun, Bill Gates sei Drahtzieher der Pandemie oder das Virus sei in einem Labor entwickelt worden.

In Bulgarien haben wir aber noch eine andere Desinformation beobachtet, die in anderen Ländern so nicht verbreitet war: Nämlich die Behauptung, dass die Regierung oder Ärzte Menschen dafür bezahlen würden, sich als Covid-19 erkrankt registrieren zu lassen. Beweise gibt es keine, dennoch verbreitete sich diese Verschwörungsgeschichte rasant in Bulgarien.

Seit 2017 bekämpfen der Verband Europäischer Journalisten in Bulgarien und die FNF Desinformation und Propaganda im Land. Was hat Sie dazu inspiriert, die Chroniken der Infodemie zu lancieren?

Mit der Ausbreitung der Pandemie ging auch eine „Infodemie“ der Desinformation einher. Sogar der Generaldirektor der WHO sagte, dass sich Desinformationen „schneller und leichter verbreiten als dieses Virus". Wir haben einige Fälle dokumentiert und untersucht, mit dem Ziel, sie zu zerstreuen und den Menschen Zugang zu wahren und vertrauenswürdigen Informationen zu bieten.

Die Bekämpfung von Desinformation ist ein viel langsamerer Prozess als ihre Verbreitung. Die Überprüfung von Informationen und die Widerlegung von Unwahrheiten braucht Zeit. Wenn jedoch nach der Lektüre unserer Chroniken der Infodemie einige Leute innehalten und zweimal nachdenken, bevor sie falschen Inhalt weitergeben, waren wir erfolgreich.

Der Kampf gegen Desinformation war 2020 das globale Jahresthema der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Was sind die Besonderheiten der Infodemie in Bulgarien?

In einem Land, in dem sich die Pressefreiheit seit Jahren verschlechtert und nur zehn Prozent der Bulgaren glauben, dass die Medien unabhängig sind, führt die Pandemie zur noch schnelleren Verbreitung von Desinformation. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage zeigt, dass 58 Prozent der Bulgaren glauben, dass Covid-19 absichtlich verbreitet wird. Weitere 72 Prozent sagen, dass die Gefahr der Krankheit übertrieben ist.

In Zeiten einer Krise der öffentlichen Gesundheit sind die Menschen informationshungrig und bemüht, eine neue Krankheit zu verstehen, über die wir sehr wenig wissen. Wenn die Menschen jedoch den Medien und den Institutionen nicht vertrauen, können sie sehr leicht auf Desinformationen hereinfallen und damit ihre Gesundheit und die ihrer Umgebung gefährden.

MEHR ÜBER DIE MENSCHENRECHTSARBEIT DER FRIEDRICH-NAUMANN-STIFTUNG FÜR DIE FREIHEIT FINDEN SIE AUF:

freiheit.org/menschenrechtsarbeit